Interview zwischen Anja Ihben und Sebastian Thomas

Ein zwischen Anja Ihben und Sebastian Thomas im Herbst 2024 geführtes Interview.


„Hallo Sebastian danke, dass Du Dir heute die Zeit nimmst für dieses Gespräch. Magst Du uns vorab ein wenig von Dir, von Deinem Leben, Etwas von Deinem Beruf und vielleicht von Deiner Familie erzählen?“

„Das kann ich gerne machen. Also, ich bin Sebastian Thomas, 38 Jahre alt, stamme ursprünglich aus Nordhessen, aus dem Werra-Meißner-Kreis, bin dort geboren, aufgewachsen und irgendwann nach Schleswig-Holstein der Liebe wegen gekommen. Meine Frau stammt aus Kiel. Während ihres Studiums in Kassel haben wir uns kennengelernt. Irgendwann später mussten wir entscheiden, wo soll es hingehen in unserem Leben, und da haben wir uns für Schleswig-Holstein entschieden.“

„Ich bin verheiratet und Vater von zwei Kindern, zwei aufgeweckten jungen Kindern im Kindergartenalter, die uns gut auf Trab halten. Ich lebe in der Gemeinde Dobersdorf, unweit von Preetz entfernt, nur 10 Minuten, sehr naturnah und ländlich, was mir sehr wichtig ist. Seit 2018 wohnen wir in der Gemeinde. Wir haben uns eine Existenz aufgebaut und ein bisschen Anschluss gefunden. Ich finde es schön dort, da es ruhig ist und ich innerhalb von fünf Gehminuten im Wald bin.

Beruflich bin ich als Angestellter im Risikomanagement eines Finanzdienstleisters tätig. In meiner Freizeit jogge ich gern, fahre Fahrrad und im Sommer schwimme ich oft im dorfeigenen Schwimmbad. Außerdem beschäftige ich mich mit dem Thema Ernährung und der Zusammensetzung von Lebensmitteln, weil es mich ein wenig an meine naturwissenschaftliche Schulbildung erinnert. Zuletzt spiele ich gerne Retrovideospiele vor allem aus den 1990er Jahren, weil sie ein Teil meiner Kindheit und Jugend gewesen sind und ich mich gern daran zurückerinnere. Ich spiele aber nicht nur, sondern lese auch Fachliteratur zur Geschichte und der Technik dahinter, einfach aus Interesse.

Das ist mein Leben. Von Montag bis Freitag purer Alltag. Die Kinder morgens in die Kita bringen, dann arbeiten, eventuell die Kinder nachmittags wieder abholen, Haushalt sowie Garten, Abendessen und dann bin ich, sind wir, meistens so müde, dass wir eigentlich nur noch ins Bett fallen. Und am Wochenende habe ich dann Zeit für meine Hobbies und auch für den Hospizverein.“

„Danke, dass Du uns einen Einblick in Dein Leben und in Deinen Alltag gegeben hast. Sebastian, Du engagierst Dich ehrenamtlich hier bei uns im ambulanten Hospizdienst in Preetz. Was hat Dich motiviert, Dich als ehrenamtlicher Hospizbegleiter qualifizieren zu lassen?“

„Nach einer Weile, nachdem ich nach Dobersdorf gekommen war, kam mir der Gedanke der Gesellschaft etwas zurückzugeben, weil das Leben es gut mit mir meint. Ich habe eine wunderbare Familie und auch materiell ist alles in Ordnung. Deswegen kam in mir Anfang der 2020er der Wunsch auf ein Ehrenamt zu ergreifen. Ich habe angefangen zu suchen, welche Möglichkeiten in der nahen Umgebung vorhanden sind. Sportvereine und Feuerwehr, die immer Helfer gebrauchen können, waren meine ersten Gedanken und insbesondere die Feuerwehr empfand ich auch sehr interessant.

Da ich nicht von hier komme, habe ich mich ebenso im Internet und in den lokalen Zeitungen informiert. Ich stieß auf verschiedene Einrichtungen und irgendwann habe ich mich ernsthaft gefragt, was willst du denn inhaltlich machen? Du willst ein Ehrenamt machen…okay, aber was willst du inhaltlich in deinem Ehrenamt tun? Sehr schnell war mir klar, dass ich einen Ausgleich auch zu meinem Beruf suche und viel mehr mit Menschen im sozialen Kontakt sein möchte. Im Beruf bin ich auch im sozialen Kontakt, aber es hat gleichfalls sehr viel mit Computern und deren Programmen zu tun…sehr viel mit Zahlen, das möchte ich in meiner Freizeit, in einem Ehrenamt, nicht zusätzlich haben. Daher war das Menschliche, Kontakt zu Menschen zu haben, sehr wichtig für mich. Das schränkt schon ein bisschen ein, was es an Möglichkeiten gibt. Und dann, ich glaube es war im Mai 2022, auf jeden Fall im Frühjahr, war ich auf dem Wochenmarkt in Preetz zum Einkaufen und da war ein Informationsstand von Euch…genau. Dann stand ich dort. Ich hatte vorher schon etwas im Internet vom Hospizverein hier in Preetz gesehen, fand es gleichsam spannend, auch weil dies ein Gebiet ist, womit ich mich vorher nie aktiv beschäftigt habe. Zunächst dachte ich, gehst du jetzt hin oder nicht, ja oder nein…meine Familie war auch dabei. Aber dann habe ich mich überwunden und dachte…komm, einfach mal ins Gespräch mit den Leuten gehen. Sie sehen alle nett aus und wollen ja aufklären. Ja, da kam ich ins Gespräch mit einer Koordinatorin, die heute nicht mehr hier ist, und weiteren Helfern des Vereins. Ich gewann einen ersten Einblick in eure Arbeit, in die Arbeit, die wir tun, und das fand ich sehr spannend. Es hat wirklich Interesse geweckt dieses Gespräch auf dem Wochenmarkt. Es ging auch ungefähr 10 bis 15 Minuten und ich habe, glaube ich, auch starkes Interesse bei euch geweckt, weil ich jünger und ein Mann bin und mir gesagt wurde, es gibt nicht so viele Männer in unserem Verein. Dann ist der Gedanke dort zu helfen in mir gewachsen. Das Interesse daran, dieses soziale Engagement in einem Themengebiet zu erleben und zu erfahren, womit ich mich vorher nie beschäftigt habe. Einfach etwas Neues zu erleben und etwas Neues zu erfahren. Das war und ist mir sehr wichtig.“

„Schön zu hören, wie Du diesen ersten Einblick bekommen hast.  Sebastian, was sind Deine Erfahrungen oder auch Erkenntnisse in Bezug auf den Vorbereitungskurs zum Hospizbegleiter? Magst Du dazu Etwas sagen?“

„Es war super. Es hat mir, trotz der schwierigen Thematik, sehr, sehr viel Spaß gemacht. Wir waren oder wir sind eine so tolle Gruppe gewesen, mit großartigen Ausbildern, Lothar und Ilka, die das so schön gestaltet haben. Es gab vielfältige Aufgaben, die uns und mich bewegten. Man musste sich sehr, sehr viel mit sich selber auseinandersetzen. Das war auch teilweise hochemotional für einige, auch für mich. Das Gesamtpaket, die Stimmung in der Gruppe…ich habe mich immer, wenn wir uns an einem Freitagabend, Samstag und ab und zu auch mittwochs getroffen haben, angekommen gefühlt. Das war irgendwie so…wie eine zweite Familie oder sehr gute Freunde, obwohl ich die Menschen alle gar nicht kannte. Angekommen…aufgenommen. Ich war natürlich auch insofern angekommen, weil ich so jung im Vergleich und auch noch ein Mann bin. Ich wurde oft samstagmorgens gefragt: „Hast Du gut geschlafen? Haben deine Kinder dich ein wenig schlafen lassen?“ Das empfand ich als schön, es fühlte sich sehr herzlich an. Auch viele Aufgaben des Kurses waren einfach ruhig, was ein Unterschied zu meinem Alltag und zum Zuhause mit meinen jungen Kindern war. Das empfand ich gleichfalls als gut mit einem Augenzwinkern. Es fehlt mir manchmal auch, dass wir in dieser Gruppe nicht mehr so oft zusammenkommen können.“

„Hat sich in dieser Zeit, für Dich, in Bezug auf das Leben oder vielleicht auch auf den Tod/auf die Endlichkeit irgendetwas bei Dir verändert…seitdem?“

„Also meine Einstellung zum Leben und zur Endlichkeit hat sich nicht verändert. Die ist, glaube ich, sehr fest geprägt durch mein Leben davor. Dennoch habe ich sehr viele praktische und theoretische Tipps aus der Hospizarbeit von den beiden Kursleitern Lothar und Ilka mitgenommen. Die beiden haben sehr viel Erfahrung in diesem Bereich und haben immer wieder mitgeteilt, was kurz vorher passieren kann. Solche tatsächlichen und praktischen Erfahrungen habe ich von dort mitgenommen, weil mir das vorher gänzlich unbekannt war, was passiert, wenn zum Beispiel der Tod unmittelbar eingetreten ist.

Die Einstellung von Lothar und Ilka und aus der Gruppendynamik heraus färbt meine Art zu begleiten. Aber die Einstellung zur Endlichkeit hat sich für mich nicht geändert. Für mich persönlich ist es so…ich werde geboren, ich lebe mein Leben, sterbe und dann ist für mich nichts mehr. Dies ist meine Einstellung und es soll viele andere geben…christliche oder andere religiöse Einstellungen. Meine Einstellung ist wohl naturwissenschaftlich geprägt.“

„Vielen Dank. Gibt Dir dieses Ehrenamt auch Etwas zurück? Wenn ja, könntest Du uns vielleicht sagen, was es Dir zurückgibt?“

„Ich muss sagen, obwohl ich ja nicht so viel Zeit für das Ehrenamt pro Woche habe, gibt es mir sehr viel zurück. Erst einmal habe ich sehr viele neue Menschen kennengelernt, was sehr schön ist, weil es auch noch einmal ein Stück weit das Ankommen hier im Landkreis Plön bzw. hier in Schleswig-Holstein unterstützt. Und bis heute habe ich zu einigen aus meinem Kurs Kontakt, nicht zu allen, aber zu einigen. Das fühlt sich sehr gut an.

Und was mir die Begleitung zurückgibt, ist tatsächlich vor allem Ruhe. Es ist bei mir immer der Kontrast. Zu Hause ist es laut, weil die Kinder einfach so sind, da sie eben Kinder sind. Und der Beruf ist auch laut, weil er sehr intensiv und stressig ist, nicht laut im Sinne von Lautstärke, sondern im Sinne von Stress. Und wenn ich dann zu einer Begleitung fahre oder vorher versuche mich da ein bisschen hineinzuversetzen, wie das werden wird, bin ich innerlich ruhiger. Wenn ich vor Ort in der Begleitung bin, ist es in der Regel stiller. Das hat seine Gründe, das ist nicht einfach, aber ich genieße dennoch diese Stille, die dabei ist, trotz aller Umstände. Dennoch bin ich aufmerksam und voll anwesend, mit Ruhe, und das empfinde ich als sehr angenehm. Ich möchte nicht missen, einmal die Woche diesen Ruhepol haben zu dürfen, sofern die Begleitung das so wünscht.“

„Sebastian, gibt es in Deiner Familie oder vielleicht auch in Deinem Freundeskreis Reaktionen auf das Ehrenamt. Wenn ja, magst Du darüber auch erzählen?“

„Ja, es gab einige Reaktionen, die im Laufe der Zeit auch ein bisschen gewachsen sind und sich verändert haben. Die meisten mit denen ich darüber spreche, finden die Tätigkeit großartig, dass ich dieses Engagement ausübe und viele sagen, sie könnten das wahrscheinlich aufgrund der Thematik nicht. Sie finden es mutig, dass ich mich dazu habe ausbilden lassen und zu den Menschen hingehe, sie begleite und mit ihnen mitgehe. Das sind tolle Reaktionen von meinem Umfeld. Es gab aber tatsächlich auch Reaktionen dahingehend, dass die Aufgabe vielleicht zu herausfordernd für mich, aufgrund der Thematik, ist. Sind die Themen Sterben und Tod nicht zu schwer für dich? Du bist noch zu jung dafür. Diese Reaktionen gab es, aber ich muss feststellen, dass sich diese im Laufe der Zeit, weil ich am Ball geblieben bin, ein bisschen gewandelt haben und sich stattdessen eine Art Stolz entwickelt hat. Ich werde regelmäßig von meinen Eltern gefragt, wie läuft die Begleitung? Machst du das noch? Das finde ich sehr schön, das zeugt von Interesse meiner Eltern. Mittlerweile sind die Reaktionen nur positiv. Ich habe aktuell kein negatives Feedback mehr von jemandem bekommen. Im Gegenteil, viele sind interessiert und stellen mir viele Fragen.“

„Vielen Dank. Gibt es für Dich vor, in oder auch nach einer Begleitung Herausforderungen oder vielleicht auch Unsicherheiten. Welche Möglichkeiten, welche Unterstützungsmöglichkeiten wären für Dich sozusagen möglich, wenn Du auch mal ein mulmiges Gefühl hast oder Dich unsicher fühlst? Magst Du dazu Etwas sagen?“

„Jede Begleitung ist sehr individuell. Noch war ich nicht bei so vielen Begleitungen, das muss ich ganz klar sagen. Ich empfinde mich als unerfahren, nicht vollkommen unerfahren, dafür hatte ich den Vorbereitungskurs, aber ich bin auch noch keine 20 Jahre dabei. Das ist ok, man muss irgendwann einmal anfangen. Daher ist jede Begleitung für mich auch ein Sprung ins kühle Wasser. Ich sage nicht, ins kalte Wasser, sondern ins kühle Wasser, weil die Temperatur des Wassers ein bisschen durch den Vorbereitungskurs erwärmt wurde und gleichfalls durch die ersten Erfahrungen, die ich schon sammeln durfte. Es gibt auch andere Bereiche in meinem Leben, ganz oft mit den Kindern, da ist es ebenfalls oft ein Sprung ins kalte Wasser, da ich da auch nicht erfahren bin, es aber immer mehr werde. Und so ist es auch bei jeder Begleitung. Während der Begleitung habe ich bisher die Erfahrung gemacht, dass es immer sehr gut klappt mit den Menschen. Ich kann mich immer sehr gut auf den Menschen einlassen, mit dem Menschen mitgehen, wie ich es in dem Kurs gelernt habe und einfach akzeptieren wie die Situation gerade ist. Emotionale und körperliche Belange…Wenn mir ein Mensch seine Magensonde zeigt, dann ist das für mich ok, auch wenn ich das zum ersten Mal erlebt habe. Ich empfinde keinen Ekel oder dergleichen. Der Mensch möchte sie mir zeigen, weil ihm dies in seinem Leben gerade wichtig ist. Dann ist es für mich in Ordnung. Es gibt sicher auch Grenzen, die ich momentan nicht bestimmen kann und die spontan geschehen. Bisher war ich aber noch nicht an meinen Grenzen. Wenn diese Grenzen erreicht werden, weiß ich auch, dass ich jederzeit auch auf euch Koordinatorinnen, dich oder deine Kolleginnen, zukommen kann. Schon vor dem Beginn des Vorbereitungskurses wurde mir gesagt, ihr seid immer für uns da, meldet euch jeder Zeit bei uns Koordinatorinnen. Kommt ins Büro, ruft an, schreibt eine E-Mail. Alles was euch bewegt, teilt uns mit. Kommt einfach rein. Und das ist wirklich so! Ihr seid wirklich immer da und nehmt euch die Zeit. Dann kommen zum Beispiel auch Telefonate zustande, daran kann ich mich noch erinnern, da habe ich teilweise 30 bis 45 Minuten mit euch telefoniert und es ging nicht nur um die Begleitung, sondern es ging auch um persönliche Themen von mir oder von euch Koordinatorinnen, aus dem privaten Leben. Obwohl ich euch privat gar nicht kenne, sondern nur durch den Verein. Das fühlt sich gut an. Es fühlt sich auch wieder an wie angekommen, sehr wohlwollend aufgenommen. Dann bietet ihr außerdem noch Supervision an, auch wenn ich bisher noch nicht dort war. Das liegt unter anderem daran, dass es zwischen meiner ersten und jetzt zweiten Begleitung eine größere Lücke gab. Aber mir ist die Möglichkeit der Supervision bewusst und ich plane sie für das nächste Jahr, wenn die neuen Termine stattfinden, ein. Zuletzt gibt es noch den Austausch mit den anderen Ehrenamtlichen des Vereins, also mit denen ich noch engen Kontakt habe oder auf den vielen von euch angebotenen Veranstaltungen. Und da frage ich dann auch, wie läuft deine Begleitung? Das ist ebenso ein wichtiger Austausch.“

„Sebastian Du bist berufstätig, Du berichtest, dass Du eine Familie mit zwei kleineren Kindern hast. Wie integrierst Du Deine Begleitungen für unseren Hospizverein in Deinen Alltag? Du hast es schon kurz schon angedeutet, aber magst Du es uns einmal etwas genauer erläutern?“

„Aktuell bin ich ein Wochenendbegleiter. Von Montag bis Freitag stehen Familie und Beruf im Vordergrund. Bisher hat ein Treffen mit den zu begleitenden Personen aber auch immer am Wochenende geklappt. Ich kann mir dennoch gut vorstellen, wenn es auf die Endphase zugeht, dass ich auch unter der Woche Zeit für die Person finde. Ich kann sowohl beruflich als auch familiär ein bisschen flexibel sein und wenn es überhaupt nicht klappt, dann melde ich mich bei euch Koordinatorinnen.

Ansonsten ist die Absprache mit meiner Frau sehr wichtig, weil immer mindestens einer von uns auf die Kinder aufpassen muss. Da meine Frau von Anfang an begeistert war, dass ich dieses Ehrenamt ausübe, einfach weil es etwas Positives auch für sie ist, ist es für sie ein Leichteres zu akzeptieren, dass ich mal eine oder eineinhalb Stunden an einem Wochenende Menschen begleite. Außerdem, so meine Erfahrung aktuell, findet meine Begleitung nicht jedes Wochenende vor Ort statt. Manchmal begleite ich auch telefonisch. Das ist abhängig von der Begleitung selbst. Vor Ort ist aber natürlich persönlicher.“

„Danke, für Deine Erläuterung“

„Eins noch dazu. Ich kann mir sehr gut vorstellen, auch wenn es noch fast 30 Jahre dauern wird, bis ich in Rente bin, dass ich mir dann mehr Zeit für Begleitungen nehmen werde. Zumindest im Augenblick besteht mein Interesse daran, dass irgendwann auszuweiten und mich auch weiterzubilden. Aber natürlich werde ich sehen, was die Zeit bringen wird. Als Rentner bin ich nicht mehr nur ein Wochenendbegleiter.“

„Wobei, das ist ja sehr wertvoll, dass Du sagst, gut in der Woche ist es nicht möglich aber am Wochenende nehme ich mir die Zeit dafür. Ich finde das sehr wertvoll.

„Es zählt auch nicht nur die Zeit der reinen Begleitung, sondern auch das Einlassen vorher, was mir meistens ganz gut bei der Fahrt zur Begleitung gelingt. Auch im Nachgang mache ich manchmal noch eine kurze Pause für mich, gehe spazieren, reflektiere, denke noch einmal darüber nach. Abhängig was mit meinen Kindern geplant ist, ganz klar. Ein bisschen über die Begleitung nachzudenken, um dann in diese Welt der zu begleitenden Person einzutauchen und dann später aus dieser Welt wieder aufzutauchen…unter Wasser ist es immer ruhig.“

„Wie schön Du das benennst. Sebastian, in unserem Hospizdienst ist der Anteil der männlichen Hospizbegleiter, (wie fast überall), mit ca. 8-10 % sehr gering. Dabei wird häufig aus den unterschiedlichen Gründen, schon im Erstgespräch mit uns hauptamtlichen Koordinatorinnen zu Beginn in einer Begleitung von den Betroffenen oder von den Angehörigen geäußert, dass, ein männlicher Hospizbegleiter gewünscht wird. Sebastian, hast Du eine Idee, warum sich so wenig männliche Begleiter für dieses besondere Ehrenamt engagieren? Woran könnte das liegen?“

„Meine Ideen sind vielleicht klischeebasiert, aber Sterben ist, so glaube ich, immer noch ein Tabuthema in der Gesellschaft. Ich glaube, es ist, ohne es zu wissen, nicht mehr so, wie vor 50 Jahren. Viele sind aufgeklärter, aber das Thema Sterben und sich mit seiner Endlichkeit, mit dem Tod zu beschäftigen, nicht mehr da zu sein, ist für sehr viele Menschen sehr schwierig. Und ich glaube, Männer können sich schneller auf etwas anderes einlassen und das Emotionale zur Seite schieben, vielleicht anders als Frauen es tun. Es tut mir leid, dass das so klischeehaft klingt, aber so ist das Thema in meinem Kopf verankert. In meinem Freundeskreis oder im Familienkreis haben wir bisher selten und nur am Rande über den Tod gesprochen.

Da Männer statistisch eher sterben als Frauen und Frauen oftmals ihre Männer bis zum Ende begleiten oder sogar pflegen und dann erleben wie Hospizdienste jeglicher Couleur unterstützend helfen können, entdecken sie vielleicht für sich, nachdem der ganze Trauerprozess vorüber ist, dass Menschen ihnen geholfen haben und sagen sich, das möchte ich auch mal ausprobieren, helfen. Da gibt es auch Beispiele aus meinem Vorbereitungskurs, wobei in dem Kurs war es tatsächlich ein Mann.“

„Hättest Du einen Appell an Männer, wenn sie von Dir und Deinem Ehrenamt hören oder lesen?“

„Ich habe keinen Appell an die Männer, weil ich glaube, das muss aus jedem selbst heraus erwachsen. Den Appell, den ich vielleicht an uns Begleiter habe, ist, darüber zu sprechen. Vor allem wir Männer sollen in Männerrunden darüber sprechen, sagen, ich mache das, ich biete das an, auch wenn irgendetwas ist. Auch ich habe damit angefangen, in der Nachbarschaft oder im Freundeskreis. Mehr aktiv aus mir herauszukommen, statt nur über Sport, Politik oder ähnliches zu sprechen.“

„Jetzt kommen wir zur letzten Frage. Sebastian, was verstehst Du persönlich unter einer hospizlichen Haltung? 

„Die hospizliche Haltung ist für mich einen Menschen mit Würde, Respekt und Achtung, wirklich bis zu seinem Tod, zu begleiten und im Rahmen dieser Begleitung mit ihm mitzugehen. Mitzugehen bedeutet für mich, ihm zuzuhören, vielleicht ihn auch zu halten und kleinere Wünsche, in dem Rahmen, den ich erfüllen kann, zu erfüllen.“

Ein schöner Schlusssatz zum Ende dieses Gespräches von Dir. Danke, für Deine Offenheit, Deine Zeit und dass wir das Gespräch veröffentlichen dürfen. Wir freuen uns auf viele weitere Begegnungen mit Dir lieber Sebastian.

„Gerne. Auch ich habe zu danken, weil ihr alle so freundlich seid und ich mich angekommen und aufgenommen fühle. Herzlichen Dank.“

 

 

 

Sebastian Thomas (ehrenamtlicher Hospizbegleiter des Hospizvereins Preetz e.V. für den Kreis Plün)

 

Anja Ihben (leitende Koordinatorin des Hospizvereins Preetz e.V. für den Kreis Plön)

 

Bild von Galerie: Interview zwischen Anja Ihben und Sebastian Thomas